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Ausstellungseröffnungen

Ausstellungseröffnung Mahmoud Dabdoub, Sächsischer Landtag 28.6.07

 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Mahmoud Dabdoub,

vor über 100 Jahren schrieb der französische Maler Paul Cézanne in einem Brief an seinen Sohn Paul: „Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“

Und gewiss ist auch Ihnen das Bedürfnis nicht fremd, besondere Augenblicke festzuhalten, sie konservieren zu wollen für die eigene Erinnerung etwa oder um jemanden daran teilhaben zu lassen. Denken wir uns einige Schritte von hier entfernt, dann finden wir unzählige von Linsen, die auf Oper und Frauenkirche gerichtet sind oder das Glitzern der Elbe an einen der anderen Ort dieser Welt zu transportieren versuchen. Dass ist zugegebenermaßen verführerisch weil immer auch mit der trügerischen Vorstellung verbunden, man könne die Zeit aufhalten durch die genialische Anwendung von Technik, zudem man auch zu oft und zu schnell in die Lage versetzt ist, Bilder zu löschen, sie einfach verschwinden zu lassen, da ein Übermaß an Möglichem vorhanden scheint.

Und gerade deshalb, und glücklicherweise will ich meinen, ist es etwas völlig anderes, was uns in diesen Räumen erwartet: Hier lädt ein Fotograf zum Aufenthalt ein, einem Aufenthalt zwischen zwei Welten. Diese Einladung ist weder trügerisch noch versucht sie durch technisch-originelle Tricks zu verführen; unbeeindruckt von modischen Trends und in einer entwaffnenden Aufrichtigkeit gibt hier ein Künstler Auskunft vom Ringen um Anwesenheit in seinem Leben. Jener Aufrichtigkeit, die Paul Cezanne wie folgt treffend formuliert: „Die zu klärende Streitfrage ist die, dass wir das Abbild dessen liefern, was wir sehen, und dabei doch alles vergessen, was vor uns in Erscheinung getreten ist. Was, wie ich glaube, dem Künstler die Freiheit geben muss, seine ganze Persönlichkeit darzulegen, ob sie nun groß ist oder klein.“  Es kann und soll mir nicht darum gehen, einen Vergleich zwischen Malerei und Fotografie anzustreben, es geht mir jedoch um das Eine: jene Intensität der Wahrnehmung, die beiden offensichtlich eigen ist.

Mahmoud Dabdoub lernte ich vor 7 Jahren in Leipzig kennen. Es war ein heißer gewittriger Abend im Mai, der Mitteldeutsche Rundfunk hatte zur langen Nacht der Kurzgeschichten geladen ins Haus des Buches geladen. Ich wunderte mich etwas, dass für dieses Medium den ganzen Abend über ein Fotograf unterwegs war; unermüdlich lief er durch die Reihen und lächelte. Die Fotos, die an diesem Abend entstanden sind, kenne ich nicht, sicher füllen sie Mappen im Archiv, die bestätigen sollen, dass es den Mitteldeutschen Rundfunk tatsächlich gibt. Zwei Jahre später dann kamen wir am gleichen Ort miteinander ins Gespräch. Mahmoud Dabdoub erzählte, er sei zu Hause gewesen und habe fotografiert. Da erfuhr ich zum ersten Mal vom Ort seiner Herkunft. 1958 in Baalbek, in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon geboren, erlangte er sein Abitur 1976 in Beirut und arbeitete später 3 Jahre lang dort in einem palästinensischen Kulturbüro.

1981 kam er nach Deutschland und besuchte in Leipzig das Herder-Institut, um Deutsch zu lernen. „Im Gepäck eine alte Praktika, die ihm kurz zuvor ein Verwandter geschenkt hatte, der bereits in Deutschland lebte. Mit dabei aber auch die ersten zehn belichteten Filme seines Lebens, auf denen er spontan die Situation in den palästinensischen Flüchtlingslagern festgehalten hatte. Eine zutiefst bedrückende Situation, die er zuvor bereits malerisch zu bewältigen versucht hatte“, schreibt Pof. Bernd Lindner in seinem Vorwort zu einem der beiden Fotobände, von denen noch die Rede sein wird.

Am Leipziger Institut gab es eine Foto-Arbeitsgemeinschaft, in deren Dunkelkammer Mahmoud Dabdoub viele Nächte verbrachte. Auch zeigte er in dieser Zeit seine ersten Fotos, die er im Libanon gemacht hatte. Seine Arbeiten überzeugten die Aufnahmekommission der Hochschule für Grafik und Buchkunst, so dass er einen der begehrten Studienplätze bekam und 1987 den Abschluss als Diplomfotograf erwarb. Seine Arbeiten wurden in den 1980iger Jahren mehrfach international ausgezeichnet.

Im Jahr 2003 – wir trafen einander wieder im Leipziger Haus des Buches – überreicht mir Mahmoud Dabdoub schließlich seine beiden umfangreichen Fotobände, die der engagierte Leipziger Passage-Verlag herausgegeben hatte.

Diese beiden Bände vereinen zahlreiche Fotografien aus eben zwei Welten, in welche die heutige Ausstellung einlädt

Die Fotos von Mahmoud Dabdoub sind alles andere als spektakulär; sie widerspiegeln alltägliches Leben. Sie laden uns an unterschiedliche Orte ein und überlassen uns dort unseren eigenen Assoziationen. Zudem verzichten sie auf das Übermaß an Farben, das uns täglich verfolgt und zu fangen versucht. Bei der Vorbereitung dieser Ansprache und dem Betrachten der Fotografien erinnerte ich mich eines Aufenthaltes im Pariser Museum für Moderne Kunst; dort gab es Anfang der 1990iger Jahre eine Ausstellung des französischen Künstlers polnischer Herkunft Roman Opalka. Auf eine schwarz grundierte Leinwand schrieb Roman Opalka mit titanweißer Farbe die Ziffer 1, dann 2, dann 3 und so weiter. Bei jeder neuen Leinwand, die er braucht, gibt er ins schwarz vom Hintergrund ein Prozent mehr Zinkweiß hinzu. Seine Bilder werden so immer heller. Heute liest man die Zahlen auf einem hellgrauen Hintergrund. Irgendwann wird das Bild dann weiß sein, mit titanweißen Zahlen. Die hohen Zahlen werden dann nur noch beim Malen in noch nicht trockenem Zustand zu lesen sein. Die Bilder haben immer dieselbe Größe, Opalka malt immer mit derselben Pinselgröße mit immer demselben Titanweiß. Die Ziffern sind etwa 5 Millimeter groß. 1968 begann der Maler mit Tonbandaufnahmen. Er sagt jede Zahl laut in seiner Muttersprache, auf Polnisch, und will so die Zahlen auch hörbar machen. Und jeden Tag, an dem der Maler zählt, macht er zu Beginn mit einer fix installierten Kamera mit Selbstauslöser ein Foto von sich. Die Bilder zeigen einen Opalka mit immer helleren Haaren vor immer heller werdenden Bildern. So will er die Zeit in verschiedenen Techniken festhalten, die irreversible Zeit malen.

Stellen Sie sich das vor: die Zeit hör- und sichtbar machen, welch ein Wagnis! Jenes Wagnis geht auch ein Fotograf ein, der seine Bilder in schwarz-weiß wiedergibt, obgleich er sie farbig gesehen hat. Dieses Wagnis geht jedoch nicht mit einem Verzicht einher, im Gegenteil. Es lenkt das Auge des Betrachters auf das Wesentliche, eben jenes Fassen von zeit in den kaum messbaren Schattierungen zwischen Weiß und Schwarz.

Nun aber möchte ich noch etwas zu den Welten des Mahmoud Dabdoub sagen, obgleich es nicht zwingend nötig scheint, denn in Kürze werden Sie sich selbst hineinbegeben und dann, das versichere ich Ihnen, sich Worte nur eine verzichtbare Zugabe.

Ein Teil der hier ausgestellten Fotos entstand in den Jahren 1981-2002. Oft sind es Kinder in ihrer Umgebung, die dem Fotografen hoffnungsvoll entgegensehen; ein kleiner Junge hält eine Taube auf den Knien, ein Mädchen im weißen Kleid lehnt im Türrahmen eines zerstörten Hauses, ein Baby liegt schlafend unter einem durchsichtigen Stück Stoff, die aufgestickte Blume berührt seine Stirn. Zwei kleine Jungen in kurzen Hosen haben sich ein Paar riesige Gummistiefel geteilt und präsentieren voller Stolz ihre neue Errungenschaft.

Aber es gibt auch andere Bilder: das zerstörte arabische Universitätsviertel, das gemalte Porträt eines Kindes vor einer von Schüssen zerlöcherten Wand, die Häuser von Al Fakhani, nach einem Luftangriff völlig zerstört; ein vom Himmel trudelndes brennendes Flugzeug über der Bekaa-Ebene …

Samih Mohamed Al-Kasim, ein jordanischer Lehrer, Journalist und Schriftsteller beschreibt Mahmoud Dabdoubs Fotos folgendermaßen: „Sie sind durch und durch politisch, ohne jedoch in die Falle des Plakativen zu treten. Sie sind Momentaufnehmen eines absolut menschlichen Augenblicks, der das Politische durch die bloße menschliche Erfahrung offenbart. Sie brauchen keinerlei politische Losung, die sie erklärt. Wir stehen also hier vor einem künstlerischen Werk, einem engagierten Werk im besten Sinne dieses Begriffs.“

Es ist nicht meine Aufgabe und entspricht nicht meinem Vermögen, mich heute und hier umfassend im politischen Sinne zu äußern; eines jedoch sei gestattet, an dieser Stelle anzumerken: Mahmoud Dabdoub zeigte schon einmal Fotos in Dresden, ich glaube, es war vor vier Jahren im Rahmen der Interkulturellen Tage. Damals erwies es sich als schwierig, geeignete Räumlichkeiten zu finden. Auf der Suche danach fragten wir auch im Haus der Kirche auf der Hauptstraße an; dort erklärte man sich bereit, die Fotografien zu zeigen, jedoch unter der denkwürdigen Bedingung, auch Bilder „der anderen Seite“, sprich: von Selbstmordattentaten in Israel hinzuzufügen. Dies möchte ich nicht kommentieren, es spricht auf beschämende Weise für sich – von einem grundlegenden Unverständnis der Verhältnisse und nicht zuletzt auch der künstlerischen Arbeiten. Eine kleine Exposition kam schließlich später im Foyer des Dresdner Rathauses zustande, wenngleich auch unter recht schwierigen organisatorischen Bedingungen. Deshalb sei der SPD-Fraktion des Landtages an dieser Stelle herzlich gedankt, dass sie ihr Haus vorbehaltlos für diese Ausstellung geöffnet hat.

Ein anderer Teil der heute und hier gezeigten Fotos entstand in den 1980iger Jahren in Leipzig, das inzwischen die zweite Heimat des Fotografen geworden war. Es sind Abbilder des Alltags, die eigentlich nichts Ungewöhnliches zeigen, im Blick des fotografierenden Betrachters jedoch nicht alltäglich wirken. Denn wann gibt man sich schon der Laune eines Augenblicks so gänzlich hin? Seltsam ist hier nur: Man fühlt sich gemeint, man kommt drin vor in diesen Bildern, steht vor einem Schaufenster, welches mit Plastewäschekörben gefüllt ist, trägt einen Stoffbeutel in der Hand, kauft Blumenkohl auf dem Markt aus riesigen Kisten, betrachtet nachdenklich Fischbüchsen über einer DDR-Fahne oder einen Mann, der hingebungsvoll seinen Trabant putzt. Eine leise Melancholie weht herüber, die nicht politisch gedacht sein will, sondern am ehesten mit dem Satz zu beschreiben ist, den die Autorin Christa Moog in ihrem wunderbaren Roman über die neuseeländische Autorin Katherine Mansfield schreibt:

„In dem Haus, das da nicht mehr steht, haben sie da jemanden gekannt?“

Danke, lieber Mahmoud Dabdoub, dass du deine Bilder noch einmal nach Dresden gebracht hast. Mögen sie viele aufmerksame Blicke finden, denn nicht immer muss man sich beeilen, wenn man etwas sehen will, so lange es Menschen gibt wie dich, die mit Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit dem Vergessen etwas entgegenzusetzen haben.

 

 

art + form Dresden, 31.01.2016

 

Sehr geehrte Gäste und Freunde der Kunst, liebe Ingeburg Feuerstack,

 

eigentlich hält sich meine Begeisterung für Zahlen in Grenzen. Und so habe ich während meines Chemiestudiums oft die Mathematikvorlesungen geschwänzt und bin lieber spazieren gegangen. Viele Jahre später wies mich ein freundlicher vietnamesischer Blumenhändler, bei dem ich einen Blumentopf für 9,99 € gekauft hatte, darauf hin, dass die Neun eine Glückszahl sei und es für mich bestimmt ein schöner Tag würde. Und vielleicht bin ich ja auch deshalb ein glücklicher Mensch, weil ich am 9.9. geboren wurde und die Quersumme des Geburtsjahres wiederum eine 9 ergibt. Das Glück teile ich heute und hier gern mit Ihnen, denn es geht um eine Ausstellung mit dem Titel Das achtzehnte Jahr. Die Neun ist nicht nur eine ausnehmend ästhetische Ziffer, bei der sich Form und Linie aufs trefflichste vereinen, nein, sie ist auch eine Universalzahl, die Quersumme ihres Produkts mit den Zahlen eins bis zehn ergibt immer wieder eine Neun. So ist es auch bei der 18. Ja, und da heute 33 Künstler präsentiert werden und wenn man wiederum das Produkt bildet … dann, ja, dann wird heute mit Sicherheit ein guter Tag.

Anlass dieser Ausstellung ist der Abschied einer Frau von der Galeriearbeit in diesen Räumen, einer sehr lebendigen und engagierten Frau, die von sich selbst sagt, dass sie nicht gern im Mittelpunkt steht – Ingeburg Feuerstack. In den letzten 18 Jahren hat sie Arbeiten von ungefähr 60 Künstlern aus Dresden, Berlin, München, Hamburg, Leipzig, Hartkirchen, Fürstenwalder – um nur einige Orte zu nennen hier – in diesen Räumen zu Ausstellungen zusammengetragen. Was Sie, liebe Gäste, von denen die meisten heute sicher nicht das erste Mal hier sind, dann zu sehen bekamen, waren die Ergebnisse von Ingeburg Feuersacks Bemühungen. Denn den Ausstellungen voraus gingen oft mehrere Besuche in den Ateliers der Künstlerinnen und Künstler und dort galt es zu schauen, zu staunen und – auszuwählen, wobei Letzteres mit Sicherheit am schwierigsten war. Doch so bunt und unterschiedlich wie ihre Arbeiten sind auch die Künstlerinnen und Künstler selbst, und so fand Ingeburg Feuerstack im Laufe der Jahre unterschiedlichen Zugang sowohl zu den einzelnen Personen als auch den Entwicklungen von deren künstlerischer Arbeit. Oh, diese unerhörten Möglichkeiten, wie Freund Brecht schreibt … Da ist es dann immer auch eine ganz persönliche Sicht von Ingeburg Feuerstack, die sich sowohl in der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler als auch in deren Arbeiten widerspiegelt, die sie hierher mitbrachte und mit Sorgfalt den Wänden anvertraute. Diese Räume hier scheinen ja auch wie gemacht für wundervolle Augen-Blicke …

Und natürlich haben wir uns im Vorfeld überlegt, wie das gehen kann: 33 Künstler, ein Sonntagnachmittag und relativ wenig Sitzplätze. Schweren Herzen haben wir uns für die Kurzversion entschieden und Sie in der Einladung nicht gebeten, sich mit Schlafsack, Isomatte und Thermoskanne für eine Rede auszurüsten, die jedem der Künstler ausführlich gerecht zu werden versucht.

Deshalb will ich zu jeder Künstlerin und jedem Künstler nur einen Satz sagen, einen Satz, den ich nicht selbst erfunden, sonders aus Katalogen, feinen Reden und Besprechungen zusammengetragen habe.

Jutta Bauer: In ihren Zeichnungen, Karikaturen und Illustrationen erzählt Jutta Bauer alltägliche, aber auch tragikomische Geschichten, deren Bilder sich festsetzen wie Lebensweisheiten.

Quint Buchholz: Fenster gibt es viele in seinen Bilder, und geöffnete Türen.

Konstanze Feindt Eißner: Über die Sinnlichkeit des Steins trägt Konstanze Feindt-Eißner die Botschaft vom Menschen weiter.

Tina Flau: Kuchenkringel neben der Kaffeetasse, Himmelsboot über Häuserdächern, alle Dinge meinen eine ganze Welt.

Kerstin Franke-Gneuß beherrscht die Alchemie der Radierung, die Zusammensetzung und Wirkung von Säuren und sie hat den Mut, sich überraschen zu lassen.

Carsten Gille arbeitet einerseits noch viel zeitloser, aber doch ist zu spüren, dass er seine stillen Winkel in einem Mittendrin sucht.

Herta Günther: Dieser Künstlerin entgeht nichts, aber sie stellt niemanden bloß.

Bernd Hahns Arbeiten sind durchaus geprägt von realen Wahrnehmungen; ob Landschaft, Musik oder Gegenstand – er führt die Dinge zu einer inneren Verdichtung und Ordnung und setzt sie in eine neue, abstrakte Zusammengehörigkeit.

Angela Hampel: Die Künstlerin meidet jegliche Dekorativität. Es zählt nur die Mitteilung – hart, kalt, ohne sich dem Betrachter anzubiedern.

Heike Herzog zeigt die Transparenz des Zufälligen.

Walter Herzog: Seine Bildmotive findet er in märkischer Landschaft, am Ostseestrand und in der Sächsischen Schweiz.

Michael Hofmann ist ein Meister des Farbholzschnitts, der seine unverwechselbare Bildhaftigkeit durch expressive Farb- und Formensprache erreicht.

Veit Hofmann: Die kraftvollen, farbigen Blätter sind voll erzählerischer Dichte, Ironie und Hintergründigkeit.

Anton Paul Kammerers Landschaften sind oft der Phantasie entnommen und häufig agieren vor ihnen auch Vögel.

Michael Klose: In seinem gesamten künstlerischen Schaffen setzt sich der Maler und Grafiker intensiv mit erlebter Landschaft auseinander.

Holger Koch: Seine Kunst ist befreiend, heiter und nachdenklich; sie verzaubert und beglückt den Betrachter.

Wolfgang Kühne: Draußen aber entdeckt er als feinfühliger Beobachter immer mehr auch die faszinierende Dramatik atmosphärischer Ereignisse.

Gerda Lepke: Aus den vielen, frei schwingenden und scheinbar ziellosen Strichen entstehen flirrende Farbstrukturen, die in der Gesamtschau mal eine Landschaft, einen Himmelsausschnitt, mal ein Porträt oder eine Skulptur neu erschaffen.

Johanna Mittag: Neben den bildhaften Eindrücken aus der Landschaft schöpft die Künstlerin ihre Ausdruckskraft aus der Musik.

Stefan Plenkers: Auf seinem Weg zu zunehmend abstrakteren Formen nahm Plenkers mit, was ihm gefiel – ein freier Geist, der sich begeistern ließ und umstandslos in seine Welt assimilierte, was ihn berührte.

Konrad Schmid: Seine Holzschnitte sind meist getragen von farbigen Flächen, auf denen Linien und Formen zum konzentrierten Ausdruck werden, und in den meist zyklischen Arbeiten, verwandeln sie sich von Bild zu Bild.

Karola Smy: Sie ist geradezu neu-begierig auf die Lebe-Welt, Lebe-Wesen, meist Insekten, Vögel, Reptilien und Fische sind die Akteure ihres Welttheaters.

Wolfgang Smy schafft Sinn-Bilder für gesellschaftliches Zusammenleben: Lebens-Bilder, in denen existentieller Kampf ums Überleben stattfindet.

Reinhard Springer: Der Spiegel, in den Reinhard Springer blickt, ist oftmals dunkel verfärbt, aber aus dieser Dunkelheit kristallisiert sich ein kostbares Leuchten heraus.

Ursula Strozynski: Ihre Kaltnadelradierungen, Aquarelle, Monotypien und Ölbilder von Landschaften und Gebäuden bestechen durch Klarheit und Großzügigkeit.

Gudrun Trendafilov: Frauen, Köpfe, Figuren, Paare, die mit Lebendigkeit, geistiger und sinnlicher Ausdruckskraft zum Betrachter sprechen, sind die wesentlichen Bildinhalte ihrer Arbeiten.

Andre Uhlichs Motto stammt von Caspar David Friedrich: „Der Maler soll nicht nur malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“

Anita Voigt-Hertrampf entdeckt in ihren Farbholzschnitten und Linoldrucken das Detail in der Landschaft und abstrahiert es in ausdrucksstarken, symbolhaften Bildern.

Carla Weckeßer beschreibt das Fragile des Augenblicks ebenso wie Zärtlichkeit, Hinwendung und Nachdenklichkeit.

Dieter Weise experimentiert mit ungewöhnlichen Materialien wie Gips, Teer, Lack, Draht, Wolle und die von ihm gern benutzten Teebeutel.

Antje Wichtrey: Durch die Reduzierung auf das Wesentliche transportieren ihre Arbeiten eine ganz besondere Leichtigkeit und Emotion, die durch die handgedruckten mehrschichtigen Farbflächen noch verstärkt wird.

Tina Wohlfarth widmet sich besonders der großformatigen Tiefdrucktechnik, dabei variiert sie ihre Motive in allen Techniken der Radierkunst, wodurch sie serielle Bilder entwickelt.

Peter Zaumseil: Immer schwingt in seinen Arbeiten – egal welche Ausdrucksform er wählt – ein frecher, anspielungsreicher und humorvoller Unterton mit, und genau das macht sowohl den Menschen als auch sein künstlerisches Werk so besonders.

 

Das also sind sie: 33 der unerhörten Möglichkeiten, die Welt in der Kunst einzufangen und ihr Gestalt zu verleihen.

Eines der schönsten Gedichte über die Möglichkeiten hat die polnische Dichterin Wisława Szymborska, meine Herzensdichterin, geschrieben. Und vielleicht steckst du, liebe Ingeburg, es dir in die Tasche und ziehst es dann heraus, wenn du dich einmal nicht entscheiden kannst, was du lieber tust oder lässt in den nächsten neun, achtzehn oder siebenundzwanzig Jahren, die mit Sicherheit viel Erstaunliches, Wunderbares und Bedenkenswertes bereithalten.

 

Möglichkeiten

 

Mir ist das Kino lieber.

Mir sind Katzen lieber

Mir sind die Eichen an der Warthe lieber.

Mir ist Dickens lieber als Dostojewskij.

Ich bin lieber ein Menschenfreund

denn als Freund der Menschheit.

Nadel und Zwirn zur Hand sind mir lieber.

Die grüne Farbe ist mir lieber.

Lieber behaupte ich nicht,

der Verstand sei an allem Schuld.

Mir sind Ausnahmen lieber.

Mir ist es lieber, beizeiten zu gehen.

Mir sind die alten gestrichelten Illustrationen lieber.

Mir ist die Lächerlichkeit, Gedichte zu schreiben lieber

als die Lächerlichkeit, keine zu schreiben.

Mir ist es lieber, in der Liebe die geraden Jahrestage

täglich zu feiern.

Ich mag lieber die Moralisten,

die mir nichts versprechen.

Mir ist die schlaue Güte lieber als die allzu leichtgläubige.

Ich mag die Erde lieber in Zivil.

Die Hölle des Chaos ist mir lieber als die Hölle der Ordnung.

Die Märchen der Brüder Grimm sind mir lieber als Leitartikel.

Mir sind Blätter ohne Blüten lieber als Blüten ohne Blätter.

Die vielen Dinge, die ich hier nicht aufgezählt habe, sind mir lieber

als die vielen hier ebenfalls nicht aufgezählten.

Ich mag die Nullen lieber lose

als zur Zahl formuliert.

Die Zeit der Insekten ist mir lieber als die der Sterne.

Lieber klopf ich auf Holz.

Lieber frage ich nicht, wie lang noch und wann.

Lieber ziehe ich selbst diese Möglichkeit in Betracht,

dass das Sein einen Sinn hat.

(Quelle: Wisława Szymborska: Auf Wiedersehn. Bis morgen. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/:, 1995, S. 57 f.)

 

 

Ausstellungseröffnung Blaue Fabrik 07.07.2017

Gabriele Schindler + Dirk Großer  SWING

Guten Abend, verehrte Freunde der Kunst, liebe Gabriele, lieber Dirk,

wenn zwei sich treffen, darf eine Dritte dazu sprechen, auch weil es so Sitte ist, eine Ausstellung mit einer Rede zu eröffnen. Doch Sie brauchen nicht zu befürchten oder zu hoffen, dass ich Ihnen erkläre, was Sie hier zu sehen bekommen, denn ich bin keine Kunstwissenschaftlerin sondern Dichterin und gelernte Chemikerin, und habe deshalb auch eine andere Art des Zugangs zu Kunst, zu Papier und zu Dingen, in denen sich dies beides miteinander verbindet.

Ob Gabriele Schindler und Dirk Großer etwas verbindet und was das mit dem Titel der Ausstellung zu tun hat, werden wir sehen. Mir kommt dabei wohl die Aufgabe zu, den Fäden zu folgen und zu vermuten, wo sie sich treffen.

SWING gilt als populärste Stilrichtung des Jazz mit Big Bands, Klavier, Sousaphon, Saxofonen, Trompeten und Posaunen – und schon ist eine falsche Fährte gelegt. Eine Buchstabenfolge bildet einen Begriff und lädt ihn mit Bedeutung auf.

Betrachtet man die Einladungskarte genauer, sind es fünf Buchstaben, die nicht nur formal unterschiedlichen Zusammenhängen entnommen wurden und die man durchaus in eine andere Reihenfolge bringen könnte: Das S spendierte ein namhaftes Kreditinstitut (bei Nacht), das N ein Unternehmen, das sich mit all seiner Kraft der Sauberkeit verschrieben hat, das dicke I gab ein Unternehmen her, das auch Schrauben verkauft, das N eines, was die Illusion von Sicherheit vermarktet und das G schließlich ein Ort, in dem es erst dunkel sein muss, damit man etwas zu sehen bekommt. Und schon ist ein Begriff entstanden, von dem jeder hier im Raum meint, zu wissen, was er bedeutet, obwohl die Herkunft der Buchstaben auf ganz unterschiedliche Orte verweist. Swing bedeutet aber auch Abweichung, Schwankung, Wende, Schaukeln, Rundschlag; to swing meint außerdem auch aufhängen, anwerfen, pendeln, sich bewegen oder schwanken. Worauf ich hinauswill: Es geht um die Möglichkeiten, die entstehen, wenn man sich nicht mit dem ersten Blick, dem ersten Eindruck und der ersten Assoziation zufrieden gibt.

Dirk Grosser arbeitet mit Begriffen, Zitaten und Parolen und setzt dabei scheinbar gegensätzliche Dinge zueinander in Bezug, um Sinnesreize zu erzeugen, zu provozieren. Seine Arbeiten sind Installationen, in denen es vor allem um Inhalte und weniger um Ästhetiken geht. „Ich will mich dem kalten Blick aussetzen, dann fühle ich mich lebendig“, sagt er und fordert: „Künstler sollen wieder zu Tätern werden, die in der Gesellschaft etwas bewirken.“ Integrieren statt ausgrenzen will er und das sowohl im künstlerischen wie auch politischen Sinne. Er weiß, wovon er spricht, war viel in der Welt unterwegs, auch an weniger beschaulichen Orten. Er setzt sich mit der Realität und diese selbst auseinander, um sie anders zusammenzufügen, damit sie wieder wahrgenommen wird. Dabei verlangt er dem Betrachter auch einiges ab und zwar nicht, um sich selbst zu erhöhen oder interessant zu machen, sondern weil er den Betrachter respektiert und ihm die Fähigkeit, selbständig zu denken, zugesteht.

Ich möchte das an einer seiner Arbeiten zeigen. „So ihr mich von ganzen Herzen suchet, werde ich mich finden lassen“ ist ein etwas abgewandeltes Zitat aus dem Jeremias-Brief an die Weggeführten in Babel (Jeremias 19,13-14), welches Felix Mendelssohn-Bartholdy in seinem Oratorium verwendet, in dem er die Geschichte des Propheten Elija aus dem Alten Testament erzählt und diese mit Zitaten anderer Propheten, so auch jenem von Jeremias, ergänzt. Bei Dirk Großer wird das Zitat erneut in einen anderen Zusammenhang gebracht. Hinter den Buchstaben hockt eine andere Wahrheit: Nachrichtensprecher und Preisschilder – Informationen, die keiner sucht, aber findet. Provokant auch die Schlagzeile: „Syrische Flüchtlinge retten verunglückten NPD Politiker“, so geschehen im vorigen Jahr in Hessen, als Stefan Jagsch, zuvor Landeschef der Rechtsextremen in Hessen, mit seinem Auto gegen einen Baum fuhr. Dahinter kniet in aufreizender Pose eine nackte Frau. Das Offensichtliche in Form eine Headline ist also nur ein Bruchteil der Wirklichkeit.

Gabriele Schindler sagt von sich:

„Je grusliger es draußen wird, desto mehr beschäftige ich mich mit diesen Dingen – mit der Schönheit des Papiers. Jede Figur ist aus tausenden von Papierschnipseln gemacht, jede Figur wächst und am Anfang weiß ich meist nicht, was am Ende daraus wird.“ So gesehen bestimmen die Figuren schon in ihrem Entstehungsprozess, was aus ihnen werden soll und führen ein Eigenleben, in dem sie Geschichten erzählen – mal leise und poetisch, dann wieder frech und gewitzt, doch nie laut und verletzend. Die Geschichten erstehen im Dialog mit dem Betrachter: Wohin fliegt die Dame auf dem Drachen in ihrem roten Kleid? Welchen Schatz verbirgt die Schnecke im goldenen Gehäuse? Ist der Fisch, mit dem die Ballerina tanzt, ein verzauberter Ritter?

Gabriele Schindler ist so etwas wie … eine kleine Göttin, die das Träumen nicht verlernt hat. Sie kommt vom Theater, wo Träume und Illusionen Gestalt annehmen und einen Zauber über die harten Kanten der Realität legen. Aber es ist beileibe nicht so, dass sie in ihren Arbeiten einer verharmlosenden Form von Romantik aufsitzt, ganz und gar nicht. Ihre intuitiven, feinsinnigen und poetischen Arbeiten sind nicht niedlich oder putzig oder süß. Sie verweisen in das Reich der Märchen, von denen Franz Fühmann schreibt: „Wie sollten mir die Märchen nicht teuer sein; sie sind ja eine der verwunschenen Formen, in denen die alten Mythen schlafen, und man kann die Schläfer wiedererwecken wie Dornröschen in ihrem Rankenschloß. Wir müssen allerdings anstelle des Happy Ends die Widersprüche in die Märchen zurückdenken, und das könnte mit dem Blick in den allernächsten Alltag wie mit jener Fragestellung Platos beginnen, was denn von dem berichteten Fabelhaften in der eigenen Seele Wirklichkeit sei.“[1]

Und da sind noch … diese Schuhe: eigene, gefundene, geschenkte Schuhe, sorgfältig in Zeitungen aus aller Welt gehüllt. Gabriele Schindler nennt sie in der ihr eigenen bescheidenen Art: „meine kleine Völkerwanderung“ und ist damit auf eine verblüffend einfache wie wirkungsvolle Weise in der Realität angekommen. Dieses Bevölkern des Raums braucht keine Erklärung und schon gar kein Schild mit einem Titel.

Das übrigens ist beiden Künstlern gemeinsam: Sie beschriften ihre Arbeiten nicht, um die Assoziation der Betrachter in eine gewünschte Richtung zu lenken.

Was beiden gemeinsam ist? Zwei Künstler geben auf unterschiedliche Art hier in diesen Räumen Auskunft über das Ringen um Anwesenheit in ihrem Leben: Der eine kämpferischer, direkter, provokanter – die andere stiller, verträumter, intuitiver.

Etwa so, wie es die Dichterin Wisława Szymborska in ihrem Gedicht „Himmel“[2] schreibt:

Die Aufteilung in Himmel und Erde

ist nicht die richtige Art,

das Ganze zu begreifen.

Sie ermöglicht lediglich zu überleben,

unter genauer Anschrift

schneller gefunden zu werden,

falls ich gesucht werden sollte.

Meine besonderen Kennzeichen sind:

Ich begeistere mich und verzweifle.

 

 

 

[1] Franz Fühmann (1981): Das mythische Element in der Literatur. In: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964-1981. Rostock: Hinstorff Verlag, S. 128

[2] Wisława Szymborska (1998): Himmel. In: Auf Wiedersehn. Bis morgen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., S. 8

 

 

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